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Mit „Freiheit“ gewann Chris J. Ueberall im Jahr 2000 den von drei Berliner Kultur-Institutionen gemeinsam ausgeschriebenen Kurzgeschichtenwettbewerb KAT IV.

Freiheit
by Chris J. Ueberall

Ein Sonnenstrahl fing sich in dem nun leeren Glas und warf bizarre Muster auf den Schreibtisch. Karin beachtete es nicht. Sie starrte aus dem geöffneten Fenster, schaute über die Gärten und betrachtete das gegenüberliegende Haus.
Schließlich glitt ihr Blick zurück auf das kleine Tablettenröhrchen in ihrer Hand. Zwei Pillen waren noch übrig, doch es würde nicht notwendig sein, auch sie zu schlucken - nicht, wenn die Erzählung der Wahrheit entsprach. Sie nahm Platz und wartete geduldig darauf, daß die Wirkung einsetzte. Während die Sekunden verstrichen, wanderten ihre Gedanken in die Vergangenheit.

Ein Geräusch hatte Karin automatisch nach ihrem Messer greifen lassen. Mißtrauisch sah sie die Gasse hinunter. Es war eine miese Gegend, und ihre Eltern hätten ihr für die nächsten zehn Jahre Stubenarrest gegeben, hätten sie gewußt, daß sie regelmäßig diese Abkürzung nahm.
Aber Karins Überlegung war ganz einfach: Weil jeder vernünftige Mensch diese Gegend mied, würde hier auch niemand auf einen solchen warten, um ihn zu überfallen. Und irgendwo - tief in ihr - reizte sie die Gefahr, auch wenn sie das niemals zugegeben hätte.
Da erklang das Geräusch wieder. Ein Knurren, ein Winseln?
Sie ging weiter in die Straße hinein. In einem aus Pappe und Holz gebauten Unterschlupf glaubte sie ein violettes Glühen zu erkennen. Sie näherte sich vorsichtig.
Ein Hund. Nein ... , sie korrigierte sich selbst, ein Wolf.
Ein Wolf stand dort, irgendwie schemenhaft, nicht ganz real, umgeben von einem violetten Schimmer.
Karin starrte fasziniert; sie konnte es nicht glauben. Doch da stand er, ein großer, fast schwarzer Wolf. Einen Herzschlag später war er verschwunden. Sie ging weiter heran, aber das Tier war fort.
Statt dessen entdeckte sie nun einen dunkelhaarigen Mann, der bewegungslos auf dem Boden lag. War er schon vorher dort gewesen? Sie wußte es nicht. Da setzte sich der Fremde plötzlich auf. Leichte Krämpfe schienen seinen Körper zu schütteln. Für einen Augenblick trafen sich ihre Blicke, dann kroch der andere einige Meter fort und erbrach sich.

Das Mädchen focht einen inneren Kampf aus, Neugier und Hilfsbereitschaft gegen tiefsitzenden Ekel. Minutenlang wartete sie einfach ab.
Als es dem Mann etwas besser ging und er zu seinem Unterschlupf zurückkehrte, faßte sich Karin ein Herz und hockte sich zu ihm. Der Geruch von Erbrochenem stach ihr in die Nase, doch sie ignorierte es, versuchte, nur noch durch den Mund zu atmen.
"Kann ich Ihnen helfen?" erkundigte sie sich.
Der Mann zuckte zusammen und wandte ihr sein Gesicht zu. Jetzt konnte sie sehen, daß er kaum älter als zwanzig Jahre war, gealtert allein durch Drogenmißbrauch. Irgend etwas Dunkles war um seinen Mund verschmiert. Sie konnte nicht genau erkennen, was es war, aber es hatte die Farbe von geronnenem Blut.
"Taschentuch?" fragte er gepreßt. Sie gab ihm eines. Während er sich den Mund abwischte, musterte sie ihn. Verfilztes braunes Haar, wasserblaue Augen. Ihre Blicke begegneten sich.
"Was macht eine wie du hier?" In seiner Stimme lag echtes Interesse. Karin ging trotzdem nicht darauf ein.
"Sie waren ein Wolf." stellte sie unvermittelt fest und wunderte sich über ihre eigene Direktheit.
"Was?" Seine Augen weiteten sich irritiert.
"Sie waren ein Wolf, ich habe es genau gesehen." wiederholte das Mädchen forsch, die Vermutung zur Tatsache erhebend.
Er wurde blaß. Erstaunen breitete sich auf seinem Gesicht aus. "Du meinst, ich war ein Tier? Richtig verwandelt? Habe nicht nur so getan als ob?"
Karin nickte.
"Unglaublich, einfach unglaublich! Dann war es gar kein Trip. Ich dachte, wo ich doch genau hier wieder aufgewacht bin ... Einfach Wahnsinn!" Er starrte ins Nichts. "Es war Wirklichkeit, woauh! Der Typ hat wirklich nicht zuviel versprochen."
Sie zupfte ihn am Ärmel. "Was für ein Typ? Wie haben Sie das gemacht?"
Erst jetzt schien er sich ihrer Anwesenheit wieder bewußt zu werden. "Du willst meine Geschichte hören?" fragte er lauernd.
Das Mädchen nickte und griff gleichzeitig nach seinem Messer.
Er sah die Bewegung und winkte ab. "Ich tue dir nichts, aber einen Zehner sollte es dir schon wert sein."
Sie nickte ohne lange zu überlegen. Er setzte sich etwas bequemer hin, wirkte dabei fast wie ein Märchenerzähler auf einem Bazar.

"Alles fing damit an, daß ich Geld brauchte." Er warf Karin einen verlegen wirkenden Blick zu, doch sie zeigte sich nicht beeindruckt.
"Du brauchtest Stoff." konkretisierte sie nur, unvermittelt zum Du übergehend, da er sie ja auch duzte und so viel älter nicht war.
Er wiegte den Kopf. "Okay, auch das. Ich war total blank." Er seufzte. "Und da kam dieser Typ hier lang. Nicht besonders groß, ziemlich blasses Kerlchen, grauer Anzug; sah aus wie ein Geschäftsmann. Ich bat ihm um eine kleine Spende." Ein unverschämtes Lächeln begleitete diesen Satz, doch Karin reagierte nicht.
"Er hatte kein Geld bei. Ich wollte es erst nicht glauben, aber es stimmte. Nun ja, ich wurde stinkwütend und etwas grob, das hat ihm wohl Angst gemacht. Und er meinte, er hätte etwas Besseres. Dann hatte er plötzlich dieses Röhrchen in der Hand." Der Junkie hielt ihr ein Tablettenröhrchen mit drei violetten Pillen vors Gesicht. "Er sagte, eine davon würde mich auf den tollsten Trip aller Zeiten bringen. Die totale Freiheit würde ich erleben."
Er lachte bei der Erinnerung. "Ich nahm ihm das Teil ab. Eine reicht völlig, erklärte er mir, und sagte, es beendet auch die Drogensucht."
Sich an die Bretterwand lehnend, fuhr er fort: "Ich habe das Zeug behalten und ihn gehen lassen."
"Und einfach so 'ne Pille geschluckt?" erkundigte sich Karin ungläubig.
Der Junkie schüttelte den Kopf. "Bin doch nicht blöd. Aber ich habe in den letzten Tagen keine müde Mark aufgetrieben. Und kein Geld - kein Stoff. Schließlich war ich so down, daß ich alles geschluckt hätte."
Sein Blick verklärte sich. "Oh Mann, es war wahnsinn! Ich glaubte, mich zu verwandeln, fühlte Muskeln, unbändige Kraft. Ich war richtig frei, wild, ungebunden. Ich rannte durch die Straßen, konnte tausend Dinge gleichzeitig wahrnehmen. Ich bin weit über die Stadt hinaus gelaufen, kilometerweit.    Es ... war unglaublich. Der Übertrip! Und dann ..." Er stockte.
"Ich bekam Hunger, und ... da war dieses Kaninchen, und ich ... ich habe es gejagt und gepackt und ..." Er schüttelte sich. "Sein Blut rann meine Kehle hinunter ..." Der Junkie begann zu würgen.
"Nie wieder, oh Gott ...!" Er ließ das Röhrchen fallen, als ob es heiß wäre, sprang auf und lief davon.
Karin blieb eine Minute wie erstarrt sitzen, dann legte sie zögernd das versprochene Geld hin, nahm die Tabletten an sich und ging nach Hause
.

Und jetzt saß sie hier, starrte aus dem Fenster und wartete darauf, daß etwas geschah.
Sie war überzeugt davon, daß die Pillen auf jeden Menschen anders wirken würden. Sie würde sich nicht in einen Wolf verwandeln. Kraft und Wildheit entsprachen nicht ihrer Vorstellung von Freiheit.
Ein Windhauch streifte ihr Gesicht und verfing sich in ihren Haaren, umspielte ihren Körper. Sie glaubte, all ihr Gewicht zu verlieren, federleicht zu werden. Der Wind sprach mit ihr, umschmeichelte sie, lockte sie hinaus. Wie in Trance kletterte sie auf das Fensterbrett und sprang.

Sie glitt die Hauswand entlang bis kurz vor dem Boden, dann fing sie sich ab und flog hinauf. Immer höher, immer schneller.
Sie wußte nicht genau, was sie war, doch das war auch ohne Bedeutung. Sie flog, sie war frei - das allein zählte.
Um sie herum weiße Wolken, sie trieb mit ihnen dahin, spielte mit ihnen. Anschließend flog sie mit einem Flugzeug um die Wette; die Passagiere mochten einen Adler sehen, oder auch nur eine Schwalbe, es kümmerte sie nicht. Immer schneller wurde Karin, überquerte Länder wie Pfützen.
Grenzenlose Freiheit - sie hatte sie gefunden.

Ein Canyon unter ihr. Mit atemberaubender Geschwindigkeit folgte sie seinen Schluchten, weidete sich an der Gefahr, die Wände zu berühren. Dann war sie schon wieder über einer Ebene, endloses Grün unter ihr.
Sie jauchzte. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl war in ihr, drohte ihr Herz zerbersten zu lassen.
'Übertrip' hatte der Junkie es genannt. Oh ja, das war es. Und es würde nicht abhängig machen, das begriff sie jetzt, denn nichts konnte noch einmal an dieses Erlebnis heranreichen.
Einmalig. Die absolute Freiheit. Übermütig drehte das Mädchen einige Loopings, schoß wie ein Pfeil zum Himmel empor, höher als jeder Vogel, dann hinunter zur Erde und erneut hinauf. Die Euphorie würde immer in ihr klingen, davon war sie überzeugt.
Die Sterne - zum Berühren nahe; der Boden - Grashalmspitzen kitzelten sie, und ein neues Kunststück folgte.
Oben - Unten - Himmel - Erde - ... der BERG!

"Karin? Karin!" Keine Antwort. Verärgert betraten ihre Eltern das Zimmer. "Kannst du nicht ant..." Der Vater unterbrach sich.
Das Mädchen saß zusammengesunken an seinem Schreibtisch, den Kopf auf die Platte gelegt, das Gesicht nach unten. Die Arme hingen schlaff herab. Neben ihr ein Röhrchen mit zwei Tabletten, daneben ein leeres Glas.
Der Mann verzog die Miene. Das hatte ja so kommen müssen. Es überraschte ihn nicht.
Er wollte gerade aus dem Raum stürzen, um einen Krankenwagen zu rufen, als ihn der Schrei seiner Frau auf der Schwelle bannte.
Karins Mutter war besorgt auf ihre Tochter zugegangen und hatte versucht, sie nach hinten gegen die Stuhllehne zu schieben - mit dem Erfolg, daß das Mädchen vom Stuhl rutschte und auf den Boden fiel.
Das Schreien verwandelte sich in anhaltendes Schluchzen, als die Frau in das leblose Gesicht ihrer Tochter starrte.
Karin war als sie selbst kaum noch zu erkennen, ihr Gesicht, ja die gesamte Brustseite war voller Blut.
Der Vater keuchte auf, rang hörbar nach Luft. Er hatte so etwas schon einmal im Fernsehen gesehen. So sah jemand aus, der aus großer Höhe gefallen war.
Aber wie sollte seine Tochter ...? Der unvollendete Gedanke begleitete ihn in die Bewußtlosigkeit.

© C.J. 'Sternenträumer' Ueberall

{... Über den Wolken muß die Freiheit wohl grenzenlos sein ...}

 

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