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"Wo kämen wir denn hin, wenn man ohne Sinn und Verstand hier ein Wohnhaus und dort ein kommunales Gebäude errichten würde?" Matthias Köber war es leid, den Sinn von Städteplanung detailliert darzulegen, zu oft hatte er das schon tun müssen. Aber ein Ignorant schien jedesmal dabei zu sein. Ansonsten entwickelte sich die Feier ihrem Anlaß und seinen Erwartungen entsprechend.
Die neue Satellitenstadt würde in jeder Hinsicht ideale Bedingungen bieten. Bis auf wenige Feinarbeiten stammte die gesamte Planung von ihm. Eigentlich hätte die Stadt seinen Namen verdient. Aber natürlich wurde sie nach dem Konzern benannt, dessen Beschäftigte die Mehrheit ihrer Einwohner bilden würden.
Alles war perfekt, die notwendigen Grundstückskäufe getätigt ... Und nun dieses unerwartete Hindernis! - in die kleine harmonische Feier zum Abschluß der Planungsphase platzte dieser Mensch und behauptete, sein Auftraggeber hätte niemals zugestimmt.
Am Vortag hatte Matthias Köber in seiner Funktion als Planungsleiter das ein Büro von vierundzwanzig Quadratmetern völlig einnehmende Modell der neuen Wohnstadt ein letztes Mal geprüft. Seine Mitarbeiter meinten, ihn gut genug zu kennen, um darauf zu wetten, daß er auch jetzt noch etwas auszusetzen haben würde. Sie behielten recht. Zusätzliche Architektenbäume mußten montiert werden, damit die neue Stadt später über ein ausreichendes "grünes Lungenvolumen" verfügen würde.
"Bäume - Wald - Dschungel" - Erinnerungen aus der Kindheit waren in dem Büromenschen Köber aufgestiegen. Als Knabe hatte er viel Zeit in dem aus Nadelhölzern und Laubbäumen bunt gemischten Wald nahe seiner heimatlichen Kleinstadt verbracht. Und wenn das nicht möglich war, weil er im Haus bleiben mußte, hatte er abenteuerliche Dschungelgeschichten gelesen. Damals wurden einige Kinder seiner Schule "Baumpaten", trugen Mitverantwortung für neu gepflanzte Straßenbäume. Natürlich hatte auch er zu den wenigen Erwählten gehört, "seinen" Baum gehabt, den er mittlerweile allerdings seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gesehen hat. Na ja, jetzt bezog sich seine Verantwortung eben auf die Anzahl der Architektenbäume.
"Ich bin persönlich gekommen", erklärte der junge Mann, der sich als Rechtsanwalt Rösselberg vorstellte, "um ein großes Unglück zu verhindern - und einen Rechtsbruch!" Matthias hatte ihm trotz seines ungewöhnlichen Erscheinens, das noch dazu zum völlig unpassenden Zeitpunkt stattfand, fünf Minuten gewährt. Ein diffuses Gefühl von Kollegialität hatte dies bewirkt, ein Mitfühlen mit jemandem, der, wie vor nicht sehr langer Zeit er selbst, am Anfang seiner Karriere stand und sogar für Kleinigkeiten vollen persönlichen Einsatz bringen mußte. Er lotste den Besucher von der Feier weg in sein Büro.
"Von welchem Rechtsbruch sprechen Sie?" Der Anwalt brachte ein einzelnes graues DIN A4-Blatt aus seiner Aktentasche hervor und legte es dem Städteplaner auf den Schreibtisch. Matthias begann das Schriftstück, eine mäßig lesbare Fotokopie, zu überfliegen. Es schien aus einem Testament oder etwas ähnlichem zu stammen. Er blickte auf, doch bevor er seine Frage aussprechen konnte, beugte sich der junge Anwalt herüber und zeigte mit dem Finger auf eine Stelle am unteren Ende des eng beschriebenen Blattes: "Das ist eindeutig! Ihre Leute dürfen nicht in Aktion treten. Der Erwerb des Grundstückes ist als Rechtsgrundlage nicht ausreichend. Sie werden keine Fällgenehmigung erhalten!"
Matthias versprach, die Angelegenheit zu prüfen, ließ sich die Karte des Anwalts geben und verabschiedete ihn nach genau fünf Minuten, um sich wieder der Feier zu widmen. "Das wäre wirklich absurd", dachte er, "wenn meiner Planung ausgerechnet ein Baum im Weg stehen würde!"
Schon am nächsten Tag stellte sich die ganze Aufregung als unbegründet heraus. Meyer, zuständig für derartige rechtliche Probleme, hatte bereits die schriftliche Genehmigung zum Fällen des alten Baumes in seinen Unterlagen. Noch in derselben Woche würde die Gartenbaufirma tätig werden und das letzte Hindernis beseitigen.
Acht Tage nach der doch noch gelungenen Planungsabschlußfeier gab die Gartenbaufirma mit umständlich geäußertem Bedauern den Auftrag zur "Rodung eines Laubbaumes" zurück. Auf die Frage nach dem Grund erklärte sich der Unternehmer sofort bereit, eine Konventionalstrafe wegen Nichterfüllung zu zahlen, wollte sich aber unter keinen Umständen in irgendeiner Weise über seine Gründe, den Auftrag nicht auszuführen, äußern. - Nun. man würde eine andere Firma finden. Aber dieses letzte, scheinbar recht hartnäckige Hindernis der Bebauung interessierte Matthias Köber jetzt persönlich.
Er sah sich noch einmal die Lage des betreffenden Grundstückes an und fuhr am späten Nachmittag mit dem Auto hin. - Die gut ausgebauten Straßen wurden zu Nebenstraßen, zu schmalen Wegen. Grünes Land, einige verwilderte Felder, das Dorf. Alles entsprach seinen Vorstellungen: Das Dorf war vollständig abgerissen und nur noch an der Kopfsteinpflasterstraße und den von schweren Baufahrzeugen zerwühlten Grundstücken zu erkennen. Na ja, die Bewohner waren wirklich großzügig entschädigt worden.
Der Städteplaner nahm seinen Laptop vom Beifahrersitz - mit papierenen Unterlagen belastete er sich unterwegs schon seit langem nicht mehr - rief den Plan des Dorfes auf und fuhr noch zirka zweihundert Meter aus demselben heraus. Durch die Frontscheibe sah er den Baum. Das letzte Stück Weg säumte dorniges Gestrüpp, und die Fahrspur glich einer Buckelpiste.
Er ließ sein Auto stehen. Es wäre dumm, wenn er sich wegen einer Baumbesichtigung Kratzer in den makellosen Lack holen würde. Als er den Autoschlüssel in seiner Hosentasche verschwinden lassen wollte, sah er einen Mann auf sich zukommen. Einen alten, gebückten Mann - oder vielleicht doch nicht so alt, korrigierte Matthias seinen ersten Eindruck, als er den jugendlich elastischen Schritt des anderen registrierte. Er kam aus der Richtung des Baumes und wollte offensichtlich wortlos direkt an Matthias vorübergehen. Doch der hielt den Älteren am Ärmel fest, sprach ihn an, ob er sich in dieser Gegend auskenne und ob er wisse, was es mit dieser Eiche auf sich habe.
Er wohne in Diepengrund, dem Dorf, das stehenbleiben dürfe, wenn... Etwas lauter, schwach aufbegehrend, fuhr er fort, "Sie würden doch nicht zuhören, und Sie würden es nicht glauben. Die Leute mit ihrer riesigen Feuerwehrleiter und den Kettensägen haben es auch nicht geglaubt. Lassen Sie mich gehen!"
"Ich höre Ihnen zu", versicherte der Städteplaner, "und ich bin mittlerweile bereit, fast alles zu glauben! Diese gewaltige Eiche, so ehrwürdig sie auch sein mag - muß gefällt werden. Sie wissen doch bestimmt, daß hier eine neue Vorstadt mit vielen Wohnhäusern entsteht. Die Menschheit wächst nun einmal, und Menschen brauchen Wohnungen. Das Grundstück auf dem wir hier stehen - und auch die Eiche - gehörten dem Sohn eines Bauern, der jetzt in der Stadt lebt. Er hat es uns verkauft. Wir sind berechtigt, es als Bauland zu nutzen und zu diesem Zweck den Baum zu fällen."
Matthias hatte dem Fremden die ganze Geschichte dargelegt, als müsse er sich ihm gegenüber rechtfertigen. Warum tat er das? - Jedenfalls erreichte er damit, daß sein Gegenüber reagierte. "Der alte Bauer Hanstorf hat doch in seinem Testament die Eiche ..." Die Stimme des älteren Mannes wurde dünner, versiegte ganz. Jedes weitere Wort schien ihm wohl sinnlos. Matthias forderte den anderen eindringlich auf, ihm jetzt zu sagen, was es seiner Meinung nach sei, das routinierte Fachleute zurückgehalten hatte, ihre Arbeit zu tun: was diesen Baum von anderen unterscheide.
"Er ist der älteste, mehr als fünfhundert Jahre alt. Er verfügt über besondere Kräfte, weil er Donar, dem Schutzgott der Bauern, gewidmet ist. Der Mächtige hält noch immer seine Hand über diesen Baum. Die Donar-Eiche darf niemals gefällt werden! Und jetzt lachen Sie, aber lassen sie mich gehen."
Matthias Köber gab den Mann frei. Er lachte nicht, wandte sich statt dessen um und schritt entschlossen auf die Eiche zu. Der Stamm war so dick wie zwanzig normale Bäume und in ungefähr so viele Stämme, die zur Krone strebten, teilte er sich auch auf. "Eigentlich wirklich schade!" dachte Matthias. Da stand sie vor ihm und blickte ihn an.
Ein Stich tief in seinem Innern, quer durch sein Denken und Fühlen. Sie war schön. Ihre Silhouette umgab ein leichtes Flimmern. Aber Matthias erkannte sie deutlich - die Frau, nach der er immer gesucht hatte, die ihm alles bedeutete: Licht, Wärme und Geborgenheit; Geheimnisse, Abenteuer und Weisheit. Sie war Weg und Ziel, war alles, das er jemals begehren würde und zugleich alles, das er sich wünschte zu sein.
Sie kam näher, und ihre Lippen formten seinen Namen. Er ging ihr entgegen, nahm sie in die Arme, und sie preßten sich aneinander. Das sanfte, kaum wahrnehmbare Flimmern umgab jetzt beide. Ein Glücksgefühl von nie gekannten Ausmaßen durchströmte ihn, während sie sich eng umschlungen langsam aber stetig dem breiten Stamm der Eiche näherten und schließlich mit seiner rauhen, verkrusteten Oberfläche verschmolzen.
Der Mann, den Matthias so intensiv befragt hatte, stand noch immer an derselben Stelle. Langsam wandte er sich um und sah gerade noch, wie der Fremde aus der Stadt in die Eiche hineingezogen wurde und der Stamm ihn förmlich in sich aufsog. Bis seine Gestalt vollständig verschwunden war. Eine Ewigkeit schien zu vergehen, bevor es dem älteren Mann gelang, seinen Blick von dem Baum zu lösen. "Da haben die Männer mit den Sägen ja noch Glück gehabt", dachte er, "ihre Schreie waren zwar gräßlich, aber es sind doch alle irgendwie davongekommen ..." Er drehte sich um und setzte endlich den ursprünglich eingeschlagenen Weg nach Diepengrund fort. Am anderen Ende des Feldweges stand das ordentlich abgeschlossene Auto des jungen Städters. Der Alte schüttelte den Kopf und sprach in ehrfürchtigem Ton den Namen dessen aus, dem er das ganze Geschehen zuschrieb, des Beschützers der gewaltigen Eiche: "Donar!". Dann beschleunigte er seinen Schritt.
Eine neue, andere Welt tat sich vor Matthias auf. Sie, die er nun endlich gefunden hatte, sie zeigte ihm die Wälder und Dschungel dieser Welt. Wann und wo immer sie wollten, liebten sie sich. Und sie wollten oft. Ihre Liebe war voller Hingabe und tiefer Befriedigung. Nach einiger Zeit begann er das Leben zu spüren, das Leben in sich und um sich herum, die Vögel, die anderen Tiere, die Pflanzen. Er begann, ihr ähnlich zu werden, und er fühlte, wie das Zusammensein mit ihr alle seine Wünsche, all sein Verlangen erfüllte. Sein Glück würde Bestand haben, denn eine Dryade altert nicht, und die Zeit ihres Daseins ist sehr lang, so lang wie das Leben ihres Baumes.
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