Leseprobe: Drachenschiffe über Kenlyn

 

 Die Korona raste zwischen den Leuchttürmen hindurch, über die Piers gewöhnlicher Segelschiffe hinweg; schoss über Promenaden, Häuser, hell erleuchtete Boulevards und Straßen, die bei Nacht wie ausgestorben wirkten. Endriel hielt das Schiff dicht über den Dächern, riss das Steuer nach links und rechts um höheren Bauwerken auszuweichen. Das Saphirfeuer der Antriebe zerfetzte Fahnenmaste und Windräder.
   »Das ist Wahnsinn!« Keru beobachtete mit kaltem Entsetzen die scheinbar hinwegrasenden Gebäude.
   Trotz allem gab das Friedenswächterschiff die Verfolgung nicht auf: Es blieb ihnen dicht auf den Fersen, mit der Hartnäckigkeit eines Jagdhundes, der Blut geleckt hatte. Es flog circa zweihundert Meter höher als die Korona, wie ein Kondor, der sich auf seine Beute stürzen wollte – doch es konnte den Vorsprung nicht aufholen.
   Nelen hielt sich die Augen zu – und betete zu den Geistern.
   »Was hast du vor?« brüllte Keru wieder.
   »Schrei mich nicht an!« gab Endriel zurück und wich im Zickzackkurs einer Reihe von fünf Minaretten aus. »Ich will zu den Portalen im Stadtzentrum. Das ist die einzige Möglichkeit, sie abzuschütteln!«
   »Die Portale?« Kerus Ohren richteten sich auf. »Da werden wir niemals durchpassen!«
   »Doch!« Endriel jagte das Schiff an einem Balkon vorbei, auf dem ein Draxyllpärchen saß und die Korona aus entsetzten Murmelaugen anstarrte. Für eine Sekunde trafen sich ihre Blicke mit dem von Endriel – im nächsten Moment lagen die beiden Reptilien schon einen halben Kilometer hinter ihnen. »Mit eingezogenen Flügeln sollten wir es schaffen. Ich war schon oft in Neng-Gasha ...« – sie stoppte, um das Schiff hochzuziehen, eine Sekunde, bevor es mit einem Tempeldach kollidiert wäre – »... ich kenne die Portale der Stadt: Sie sind groß genug, die Korona mit eingezogenen Flügeln durchzulassen! Es wird verdammt knapp, aber wir kommen durch, während unsere Freunde in Weiß zu breit dafür sind! Es wird funktionieren, vertrau mir!«
   »Nein!« rief Keru
.
  »Sie halten auf das Stadtzentrum zu!« brüllte Kapitän Sronn, und wandte sich von der Navigationskarte ab. »Direkt auf die Nexus-Portale!«
   »Dort kommen sie nie durch«, gab sein Erster Offizier zu bedenken, ein grünhäutiger Draxyll mit schleifenartigen Horntätowierungen.
   »Kurs beibehalten!« befahl Sronn. »Benachrichtigen Sie alle in der Nähe befindlichen Schiffe des Ordens! Sie müssen aufgehalten werden!«
   »Kapitän, sämtliche Schiffe im Umkreis sind zur Bewachung von Teriam abgezogen worden!« erklärte die menschliche Kommunikationsoffizierin. »Sie können erst in Minuten hier sein!«
   Der Skria-Kapitän stieß ein markerschütterndes Brüllen aus.

Das Stadtzentrum von Neng-Gasha war ein ausgedehnter, freier Platz, auf dem acht große Stahlmonolithen in Reih und Glied standen wie gehorsame Soldaten. Einige Portale, mit Zwillingen in weit entfernten Breitengraden, wirkten wie riesige Fenster ins helle Sonnenlicht – andere zeigten tiefe Nacht, wie in dieser Region des Planeten.
   »Da!« Endriel deutete mit dem Finger. »Das zweite Portal von links führt nach Daraked! Flügel einziehen!«
   Nelen betätigte mit zitternden Händen den Hebel und die Mechanik gehorchte: Die Korona zog ihre Schwingen dicht an den Rumpf.
   »Gleich werden wir sehen, ob ich –« Weiter kam Endriel nicht: Keru packte ihren Arm und zog sie gewaltsam vom Steuer weg – gleichzeitig fasste er nach einem Griff, bevor das Schiff aus dem Ruder lief.
   »Hey! Was soll –«
   »Halt den Mund!« donnerte Keru, ohne sie anzusehen. »Du fliegst wie ein lahmer Geier! Glaubst du, ich will an den Portalen zerschellen?«
   Er drückte das Steuer nach vorn, und die Korona stürzte wie ein Raubvogel auf das freie Feld des Stadtzentrums hinab. Laut Höhenmesser blieb zwischen Landekufen und Pflaster nur ein halber Meter Luft. Die wenigen Bürger, die noch unterwegs waren, flüchteten mit entsetzten Schreien vor dem heranrasenden Schiff.
   Das Portal vor ihren Augen wurde größer und größer. Auf der anderen Seite konnte Endriel Straßen, Lichter und Gebäude erkennen – die Stadt Daraked. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie die Hände zu Fäusten geballt hatte: Ihre Fingernägel schnitten ihr fast ins Fleisch. Ihr eigener Herzschlag war das einzige Geräusch, das sie hörte.
   »Festhalten!« brüllte Keru.
   Etwas knirschte: Durch die Kuppel sah Endriel, wie die angezogenen Steuerdüsen funkensprühend am Stahlrahmen des Portals schliffen. Nelen schrie – wie lange schon, konnte Endriel nicht sagen.
   Sie schloss die Augen.
   Das Schiff erbebte.

… und noch eine andere Leseprobe aus „Drachenschiffe über Kenlyn“:

   Geisterkuben. Erinnerungsspeicher. Endriel konnte nicht widerstehen und nahm einen Kubus in die Hand – ein Blitz leuchtete im Inneren des transparenten Würfels auf, dann formte sich das dreidimensionale Abbild eines Wesens, das viel zu schön, viel zu ätherisch schien, um in diese Welt zu gehören.
   »Sha Yang«, flüsterte Endriel. Und plötzlich vergaß sie ihren Beutezug und alles um sich herum und starrte wie verzaubert auf die Aufzeichnung des Kubus’.
   Die glatte Haut des Wesens schimmerte wie Perlmutt – sein Körper besaß fast menschliche Form. Fast. Schwer zu sagen, ob männlich oder weiblich. Mund und Nase schienen in dem fremdartigen Gesicht nur angedeutet. Die kleinen Augen standen schräg. Sie strahlten wie poliertes Silber.
   Gefiederartiges Haar krönte das Haupt – es hatte die Farbe von frisch gefallenem Schnee. Die gewaltigen, weißen Lederschwingen auf dem Rücken waren zu eindrucksvoller Spannweite ausgebreitet.
   Sha Yang ...
   Die Erinnerung des Geisterkubus’ katapultierte Endriel in eine Welt der Mythen und Geheimnisse, in ein längst vergessenes Zeitalter. Und sie dachte an ihre Kindheit in Olvan. Und an ihren Vater.

   Lange bevor sie im Streit auseinander gegangen waren, hatten sie beide so gut wie jeden Sommerabend auf der Veranda ihres Hauses gesessen, den Grillen gelauscht und durch ein Teleskop den aufgehenden Saphirstern beobachtet. Dort erzählte Yanek Naguun seiner Tochter stundenlang die Geschichten aus jener Zeit, als die Hohen Völker noch zusammen mit den Sha Yang auf jenem geheimnisvollen Planeten lebten, der einst ihre Heimat gewesen war.
   Und Endriel sog diese Geschichten auf wie ein Schwamm, wurde süchtig nach ihnen.
   Beinahe tausend Jahre waren seit dem Exodus vergangen. Aber dann war der Kult der Schattenkaiser wieder erschienen – hier, auf Kenlyn. Diese geisteskranken Völkermörder hatten die letzten Sha Yang gejagt und sie einen nach dem anderen getötet, bis keiner mehr von ihnen übrig war.
   Auch wenn die Schattenkaiser mittlerweile ebenfalls ausgelöscht waren – der Traum war gestorben. Von den Sha Yang existierten nur noch Legenden. Und ihre geheimnisvollen Artefakte.

   Und Endriel Naguun, nun kein kleines Mädchen mehr und weit weg von zu Hause, stahl diese Artefakte, um sich ein leichtes Leben zu erkaufen und sich vor der Bedrohung richtiger Arbeit zu schützen.

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