Leseprobe: Bisse

 

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Fortsetzung der Leseprobe von der Startseite aus der Geschichte "Hohe Minne":

"Anna", sagte Anna, die ihren Nachnamen nicht preisgeben wollte, aber die erwartungsfrohe Pause auch nicht ungefüllt lassen konnte. Schließlich wollte sie nicht unhöflich sein. "Anna", wiederholte der Conte, verbeugte sich kurz und strahlte, als ob sie ihm ein Geschenk gemacht hatte. "Was für ein schöner Name. Bei meinen Ahnen hat es auch eine Anna gegeben. Ich werde sie Ihnen noch zeigen. Sie war auch sehr schön. So wie Sie."

Mit einer einzigen theatralischen Bewegung riss er den Vorhang hinter sich beiseite, und dahinter kam ein Gemälde zum Vorschein, das eine blonde Frau in einem mittelalterlichen Gewand zeigte. Wie in den meisten Bildern der Zeit stimmte die Perspektive nicht, und die Dame auf dem Bild schien etwas schief vor einem linienverzogenen Bergfried zu stehen. Dennoch war es dem Künstler gelungen, die Schönheit der Frau einzufangen und die Liebe in ihren Augen darzustellen, Augen, die Anna direkt ansahen.

Anna versuchte sich aus dem Sessel zu erheben, um das Bild aus der Nähe zu betrachten. Doch ihre Beine gehorchten ihr nicht. Reglos verharrte sie im Sessel und starrte mit weitaufgerissenen Augen auf die Frau auf dem Bild, die – wie ihr jetzt auffiel – ausgesprochene Ähnlichkeit mit ihr hatte.

Verwirrung und Panik überfluteten sie wie eine eisige Woge, die über ihrem Kopf zusammenschlug. Stocksteif saß sie da, nur ihr Unterarm, der auf der samtigen Sessellehne geruht hatte, rutschte ab, fiel und hing leblos von ihrer Schulter. Sie versuchte, ihre Füße zu bewegen, ihre Arme, ihre Finger, ihren Kopf, ihre Augen. Nichts davon war möglich. Sie war eine Puppe, die man in eine Puppenstube gesetzt hatte. Sie war erstarrt zu einer Statue. Ihr Körper gehörte nicht mehr ihr. Sie war gelähmt und hilflos, gänzlich bewegungsunfähig. Gleich würde sie ersticken.

In dem Moment, in dem sie dies dachte, hörte sie die Stimme des Conte neben sich.

"Machen sie sich keine Sorgen, mein Kind. Dieser Zustand ist vorübergehend. Das Mittel, das ich Ihnen gegeben habe, hat fast keine Nebenwirkungen und ist so gut wie ungefährlich. Versuchen Sie einfach, sich nicht aufzuregen. Entspannen Sie sich!"

weiter im Buch auf Seite 64

Leseprobe aus der Geschichte "Im Paradies":

"Zieh dir 'ne Strickjacke an. Der Wind ist kälter, als man meint", rief seine Mutter ihm hinterher, „und komm in einer Viertelstunde wieder. Wir wollen dann essen."

Patrick drehte sich nicht um. Er tat gerne so, als hörte er nicht, was seine Mutter ihm zu- oder nachrief. Sie rief ihm eigentlich immer etwas nach, fand er. In dem Moment, da er das Zimmer, das Haus, das Auto oder überhaupt ihre Nähe verließ, folgte ihm jedes Mal ihre Stimme, wie eine mahnende Begleitung.

"Ja", sagte er dann und zog das "A" ungeduldig in die Länge, streckte sein Kinn vor, stützte es auf seinem Unwillen ab.

"Hast du gehört, Liebling?"

Patrick hasste es, wenn seine Mutter ihn Liebling nannte. Er war doch kein Baby. Wenigstens war hier niemand, der es hörte und ihn aufziehen konnte.

"Ja", rief er noch einmal, lauter, und bog um die Ecke des Ferienhauses, um dessen Rückseite zu erkunden. Es war ein wirklich kleines Haus. Patrick hatte noch nie ein so kleines Haus gesehen. Zu Hause lebten sie in einem viel größeren. Das hatte einen ersten Stock und ein ausgebautes Dach für die Computer und die Sachen seines Vaters. All das, das seine Mutter Bastelkram nannte.

Dafür war das Haus daheim Wand an Wand mit anderen Reihenhäusern. Um von dem schmalen Vorgarten mit dem widerwillig aber regelmäßig von seinem Vater gestutzten Rasen zu dem Hintergärtchen mit dem Kräuterbeet und dem ausgedienten Sandkasten zu kommen, musste man dort durch das Haus gehen. Da war das hier viel toller. Hier konnte man ganz außen rum gehen, weder links noch rechts gab es einen Nachbarn.

Es war ja auch kein richtiges Haus. Vati hatte es Cottage genannt und gesagt, dass früher die armen irischen Familien in so was gelebt hatten.

Die See ragte wie eine lange Zunge ins Land, und mitten auf dieser Zunge gab es eine kleine Insel. Auf ihr stand die Ruine eines Cottages von der Größe des Ferienhauses. Patrick sah fasziniert zur Insel hinüber. Es war gar nicht weit dorthin, nicht weiter als wenn man eine Autobahn überqueren wollte. Aber auch das Überqueren von Autobahnen war ihm nicht erlaubt.

Also stand er da und blickte unschlüssig zu der Insel, die ihm mit ihrer Unerreichbarkeit auf einmal besonders attraktiv erschien. Sicher war das Wasser nicht tief. Wahrscheinlich konnte man durchwaten. Der Grund war ganz deutlich zu sehen. Es war bestimmt flach genug. Außerdem konnte er ja schwimmen. Es war noch nicht lange her, dass er sein erstes Schwimmabzeichen gemacht hatte.

Trotzdem blieb er stehen. Er fühlte instinktiv, dass seine Mutter nicht einverstanden sein würde mit diesem Abenteuer. Gleich würde sie nach ihm rufen, ihm eventuell nachgehen. Wenn er dann mit allen Sachen, die er anhatte, mitten im Wasser stand, würde es Ärger geben. Missmutig bohrte er mit dem Zeh im Sand und kickte die feuchten Brocken ins Wasser. Da hörte er ein Lachen.

Auf der Insel stand ein Mädchen in seinem Alter. Es war halb verdeckt von den Ruinen des Hauses, es winkte ihm zu.

Vorsichtig winkte er zurück. Gern hätte er es gefragt, ob das Wasser flach genug wäre, um hinüberzuwaten, aber er traute sich nicht, seine wenigen englischen Wörter auszuprobieren. Außerdem wusste er, dass die Leute hier eine Sprache sprachen, die Gälisch hieß, und die es eigentlich nicht mehr gab. Er hatte sie schon gehört. Sie klang irgendwie komisch, ein bisschen als ob sie singen würden. Sein Vater verstand ein wenig davon, allerdings nicht viel. Er hatte es vor vielen Jahren gelernt, als er selbst als Junge eine Weile bei Verwandten in Irland gewohnt hatte. Und Patrick wusste auch ein paar Worte, 'gorre mihle maha gott' zum Beispiel hieß 'Danke' und 'leddo hell' 'Bitte'.

Das Mädchen winkte noch immer. Er konnte es nun deutlich sehen. Es war genau in seinem Alter und trug ein T-Shirt und Shorts, beides klatschnass. Offenbar war es darin schwimmen gewesen. Patrick wünschte sich, er könnte mit dem Mädchen schwimmen gehen. Ganz plötzlich wünschte er sich nichts mehr als das.

"Komm doch!" rief es, und Patrick freute sich, dass es nicht Gälisch sprach. "Das Wasser ist toll!"

weiter im Buch auf Seite 258

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