Rezensionen

BISSE – 17 ungewöhnliche Geschichten

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Der phantastische Bücherbrief
November 2007    unabhängig    kostenlos    Ausgabe 465
(Seite 27 + 28)

Ju Honisch                                                                                     BISSE
Titelbild: Daniel Reimer
Hexentorverlag (10/2007)                                 267 Seiten                10 EUR
ISBN: 978-3-939882-02-2

       Ju Honisch präsentiert siebzehn Kurzgeschichten, die sie in dem Band BISSE zusammengefasst hat. Die erste Kurzgeschichte stellte sie bereits auf dem Darmstädter Spät Lese Abend vor, als das Buch noch gar nicht erschienen war. Die Kurzgeschichten sind nicht unbedingt einfach. Während sie auf dem Spät Lese Abend ihre Erzählung sehr schnell vortrug, kann man hier als Leser nach jeder Geschichte eine kleine Pause machen. Ja, man sollte eine Pause machen. Die Autorin, die sich in der Filkszene auch als Musikerin einen Namen machte, versteht es zu schreiben. Wenn man nicht gerade mordlüsternd ist, könnte man es bei manch einer Erzählung werden. Mein Vorschlag, am 7ten Dezember mit lesen beginnen. Am 24tsen hat man dann überhaupt keine Lust mehr auf das christliche Freudenfest.

Ansichtssache
      
ist der einseitige Briefwechsel an eine Person namens Emma und die entsprechende Hausverwaltung der Mieterin. Gleichzeitig gibt es die Logbucheintrge eines in Raumnot geratenen Raumschiffkapitäns. Schnell wird klar, beide Ereignisse gehören zusammen.

Der Jogger
      
hat das Problem von so vielen, die Nachts allein unterwegs sind. Er wird überfallen.

Neuerungen
      
Wir kennen jetzt die Wahrheit über Immobilienhändler

Hohe Minne
      
Liebe die den Tod besiegt. Ach ist das nicht romantisch?

Nachtvogel
      
Verzaubert, Tochter wird Vogel, wird frei?

Klang
      
Ein Klang wie Freudentränen und erste Liebe. Elke heisst die Harfenistin. Vielleicht nur ein anderer Name für Ju Honisch?

Wahre Liebe
      
Liebe kann so schön sein, wahre Liebe erst recht.

Kreise
      
Es ist wichtig, dem Kriminalbeamten bei der Aufklärung eines Mordes zu helfen. Erst recht bei einer Serie. Oder etwa nicht?

Macht-haber
      
Wenn man Macht hat, dann hat man nicht unbedingt die Liebe junger Frauen. Da muss man noch ein wenig an sich arbeiten. Oder an der Macht.

Schädlinge
      
Karl mag keine Schnecken. Diese braunen widerlichen Nacktschnecken.

Alte Freundschaft
      
Allein in einem Cafe sollte man sich aussuchen, wen man an seinen Tisch lässt. Im Zweifel eines Falles sollte man sagen, man warte auf jemanden. Evelyn zum Beispiel.

Wassermusik
      
Heinz-Konrad, welch ein Name. Und anständig erzogen war er. Nicht wahr Heinz-Konrad? Ja Mama.

Aspis
      
Liebe ist, gemeinsam alt werden. Manchmal geht das sehr schnell. Die Liebe und das alt werden.

Kraft des Glaubens
      
Oh Gottesmann, pass auf, du könntest deine wichtigsten Dinge vergessen.

Die Bundesministerin für Gesundheit rät
      
Hier ist man Mensch, hier darf man sein. Oder warum man nicht sagen sollte: Ich gehe kurz Zigaretten holen.

Körperkultur
      
Plastik gewordener Mensch. Und die Seele?

Im Paradies
      
Paradiese sind selten, irische Cottages nicht unbedingt, Nixen aber noch seltener.

       Siebzehn Kurzgeschichten die man gelesen haben sollte. Überraschend, wirkungsvoll, gruselig, was will man mehr? Ich bin sehr zufrieden mit den Erzählungen. Es hat Spass gemacht sie zu lesen, in die verschiedenen Gedanken der Handlungstrger hinein zu sehen und sich zu fragen, sind diese morbiden Gedanken nur Ausdruck einer überbordenden Phantasie oder hat Ju eine dunkle Seele?                                  

Verantwortlicher Rechteinhaber: Club für phantastische Literatur, Erik Schreiber


  amazonBiss Fest, 6. Dezember 2007
Rezension von Christine Hintermeyer

Eine wunderbare Sammlung kleiner, fieser Kurzgeschichten.

Besonders bestechend: die Charaktere, die bis ins Kleinste liebenswerte, nervige oder gemeine Details an den Tag legen und nie nur Typen bedienen. Dabei fühlt man sich schon gedrängt, das Wort "humorvoll" zu benutzen, obwohl es eigentlich viel zu betulich klingt. Der Leser gluckst und "au!"tscht also genüsslich von Geschichte zu Geschichte und wünscht sich, es wären noch ein biss-chen mehr. Es bleibt zu hoffen, die bisher unbekannte Autorin legt bald nach!


und Phantastik-News.de

Rezension von Christel Scheja vom 23. Dez. 2007

Vielleicht ist dem einen oder anderen Leser der Name Ju Honisch ja bereits vertraut. Die gebürtige Berlinerin, die in Bayern aufgewachsen ist und nach einem Aufenthalt in Irland mit ihrem Mann in Frankfurt am Main lebt, ist in der Szene als Liedermacherin und Sängerin bekannt. In ihren Liedern hat sie zumeist phantastische Themen behandelt, teilweise waren es sogar Songs zu Fantasy-Romanen. Mit „Bisse” beweist sie aber auch ihr schriftstellerisches Talent.

Siebzehn Geschichten sind in der Anthologie aus dem Hexentorverlag versammelt, die zumeist der unheimlichen Phantastik zuzurechnen sind. Aber hin und wieder, so wie in der ersten Erzählung, werden auch die Fühler in Richtung der anderen Genres ausgestreckt.
Es ist eigentlich keine „Ansichtsache” sondern eine Sache von Erziehung und Anstand, die der jüngeren Generation völlig abgehen, findet eine alte Dame, die sich gegenüber ihrer Freundin in Briefen über die Nachbarn beschwert und schließlich einen Gegenstand in ihrem Schrank deponiert, der nur von den Kindern von nebenan stammen kann. Doch das Ding scheint ein Eigenleben zu entwickeln. Sie ahnt ja nicht, was wirklich in ihm steckt.
In „Hohe Minne” träumt Anna von der großen Liebe, doch während des Italienurlaubs mit ihrem neuen Freund muss sie feststellen, dass er eigentlich nur an einem interessiert ist: sich, so oft er kann, Spaß mit ihr im Bett zu holen. Ernüchtert und enttäuscht verlässt sie ihn und versucht, sich durch einen Ausflug in ein altes Kastell abzulenken. Dessen Besitzer ist sehr freundlich und zuvorkommend, scheint ihre Gefühle zu verstehen und die wahre Liebe zu kennen. Doch welchen Preis muss sie dafür zahlen?
Der „Klang” der Harfe verzaubert Elke vom ersten Augenblick an, als sie das Instrument aus dem Nachlass ihrer Tante erhält, die sich als Musikerin ins Ausland zurückgezogen hat. Sie kann es nicht lassen, auf dieser zu spielen und vergisst dabei alles um sich herum. Dabei wurde mit dem Instrument eine ernste Warnung mitgeschickt, die sie aber nicht beachtet, bis es zu spät ist.
Einsam ist der „Macht-haber”, der seiner zarten Gefangenen die Geschichte seines Lebens erzählt, aber doch irgendwie sein Ziel nicht erreicht, denn am Ende zieht sie es lieber vor, aus dem Leben zu scheiden, als ihm ihr Herz zu schenken. Aber auch wenn er die Menschen über Jahrtausende begleitet hat, kann er immer noch nicht begreifen, warum sie so viel Angst vor ihm haben. Dabei will er nicht viel von ihnen.
Ein Rentner tut für seine bettlägerige Frau alles. Er entfernt auch die „Schädlinge” aus ihrem Kräutergarten und vernichtet sie, damit sie nicht wiederkommen. Allerdings nicht ohne einen kleinen Hintergedanken.
Ähnlich verhält sich ein junger Mann, der auch nach vierzig Jahren immer noch für seine Mutter da ist und ihr versucht, ein guter und perfekter Sohn zu sein. Er erlaubt sich jedoch ein Geheimnis vor ihr zu haben, das er nur mit einem schlammigen Tümpel teilt, zu dem er sich nachts hinschleicht, um der „Wassermusik” zu lauschen, die ihn von allen Enttäuschungen seines Lebens befreit.
„Die Bundesminsterin für Gesundheit rät” mit dem Rauchen aufzuhören, doch trotz aller Repressalien gibt es immer noch genug Süchtige, die dieser Leidenschaft frönen und nicht davon ablassen können. Sie sind längst in das Visier einer anderen Macht geraten.

Dies sind nur die Highlights der Sammlung, in der die düster-makaberen Geschichten dominieren. Gerade durch die Alltäglichkeit mit der Erzählungen wie „Schädlinge” und „Wassermusik” beginnen, entsteht ein krasser Gegensatz zu dem Grauen, dass sich gerade zum Ende hin immer mehr in die Geschichte einschleicht.
Etwas weniger ernst und bedrohlich geht es in „Ansichtssache” zu, bei der das Schmunzeln immer wieder im Hals stecken bleibt; und sie ist auch nicht die einzige dieser Art.
Auch wenn Ju Honisch sich nicht scheut, ekelhafte Dinge und Abläufe realistisch zu beschreiben, so steht bei ihr doch nicht im Vordergrund, durch plakative Schilderungen und Gewalt Spannung zu erzeugen. Bei ihr haben die Figuren mehr zu sagen, sie beobachtet und entwickelt ihr Verhalten. Hin und wieder lässt sie das eine oder andere bewusst auch ungesagt, um das Gruseln noch angenehmer zu gestalten.
Insgesamt ist festzustellen, dass ihre Geschichten weitestgehend ruhig sind und sich in erster Linie auf die Menschen konzentrieren. Und das ist genau so spannend und unterhaltsam wie ein mitreißender Abenteuerroman und manchmal grusliger als ein Splatter-Film voller Blut und Gedärme. Denn sie regt die Phantasie des Lesers an und erstickt sie nicht unter einer Flut von eigenen Beschreibungen.

Das macht „Bisse” zu einem Geheimtipp für alle Fans gehobenen Horrors, die sich lieber realistisch und leise Schauer über den Rücken jagen lassen und einer Prise bitterbösen schwarzen Humors nicht abgeneigt sind.


SF-Fantasy.de
Rezensionen von Kirstin Tanger und Lisande

Bisse ist keine leichte Lektüre, die man in einem Rutsch durchliest. Das gelingt vielleicht noch bei den ersten Geschichten. Die erste ist passend zu den anderen Stories ungewöhnlich, jedoch eher im Science Fiction-Bereich angesiedelt. Und auch 'Der Jogger' hinterlässt zumindest noch ein Gefühl von 'das geschieht ihnen recht'. Aber dann werden die Geschichten immer düsterer und man braucht hinter fast jeder Story ein kleines Verdauungspäuschen.
Gekonnt und stilsicher lässt Ju Honisch einen mit ihren Geschichten die Haar zu Berge stehen und der eine oder andere Kloß bildet sich beim Lesen im Hals. Man sollte keine all zu depressive Grundstimmung mitbringen, das könnte verheerende Folgen haben... trotzdem kann man nicht aufhören weiterzulesen. Die gruseligen und teilweise morbiden Geschichten ziehen einen zu sehr in ihren Bann.

Die Stimmung der Geschichten erinnert mich teilweise an Stefan Grabinski, einem polnischen Autor des unheimlichen Genres, der um die Jahrhundertwende lebte. Die Autorin selber beschreibt die Geschichten stehen in der klassischen Gruseltradition von Dahl oder SAKI. Was den Kern sicher auch recht gut trifft.

Zu erwähnen wäre noch, dass zu einigen der Kurzgeschichten sogar Lieder der Autorin existieren, die soweit ich weiß in nächster Zeit auch auf einer zum Buch passenden CD erscheinen werden.

So ist dieses Buch für alle Freunde der unheimlichen Literatur wärmstens zu empfehlen.

Kirstin Tanger

Ich habe relativ lange gebraucht, um es zu lesen - aber das lag nicht etwa daran, dass es mir nicht gefallen hätte, ganz im Gegenteil! Es lag eher daran, dass jede einzelne dieser Geschichten ein wenig Zeit wollte, um verdaut zu werden - sofort die nächste hinterher zu lesen wäre irgendwie falsch gewesen (und außerdem passte die Länge der Geschichten so gut zu 20 Minuten Fahrrad-Ergometer in der Mucki-Bude...)

Meine Meinung kurz zusammengefasst: ich mag dieses Buch. Nein, eigentlich stimmt das nicht - ich liebe es! Ju hat eine unvergleichliche Art, den Finger auf den dunkelsten Punkt der menschlichen Psyche zu legen, verbunden mit hin und wieder etwas Übersinnlichkeit oder futuristischer Technik - eine Kombination, die es einfach nur in sich hat. Dazu kommt eine hervorragende Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, "Typen" zu beschreiben und zu charakterisieren, so dass man sofort einen entsprechenden "Typ" aus der weiteren Bekanntschaft vor Augen hat und sich sagt: "Ja. Kenne ich. Passt."
Wirklich beschreiben kann ich es nicht, aber ich kann jedem, der böse kleine Geschichten mag, dieses Buch nur wärmstens empfehlen! Jetzt habe ich es meinem Gatten auf's Auge gedrückt und bin sehr gespannt - eigentlich müsste es genau seinen Geschmack treffen... *g*

Lisande


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